Ein Seilsicherungssystem wird montiert, in Betrieb genommen, für gut befunden. Kein Mangel, keine Beanstandung. Zwei Jahre später steht bei der Wartung fest: Die Anschlageinrichtungen an Anfang, Ende und den Ecken sind sichtbar plastisch verformt.
War die Montage falsch? Nein!
Der Mangel existierte bei der Installation schlicht noch nicht und zulassungstechnisch liegt bis heute kein Mangel vor, weil genau diese Anforderung schlicht kein Prüfkriterium ist. Der Mangel war aber seit dem Moment der Planung und Produktauswahl absehbar und wird von manchen findigen Verkäufern bewusst eingesetzt, um das günstigste Angebot abgeben zu können.
Was bei der Abnahme niemand sieht
Ein Seilsicherungssystem steht dauerhaft unter Vorspannung und das muss es auch, damit es Rückhalt bietet und sicher verwendbar ist. Die Energie der Vorspannung wirkt nicht gleichmäßig auf alle Anschlageinrichtungen. Sie konzentriert sich besonders auf die Stützen an Anfang, Ende und in den Ecken des Systems. Genau dort kann über die Zeit eine plastische Verformung entstehen, wenn die eingesetzten Produkte nicht für diesen Einsatzzweck geeignet sind. Bei der Installation ist die Verformung noch nicht vorhanden und daher auch nicht zu erkennen. Auch bei der Zulassung und Zertifizierung spielt dieser Effekt keine Rolle, obwohl klar ist, dass er eintreten wird.
Das Ergebnis: Ein System, das fehlerfrei installiert und abgenommen wurde, muss nach kurzer Zeit instandgesetzt werden. Nicht wegen eines Montagefehlers, sondern wegen eines Planungs- und Produktauswahlfehlers, der erst mit Verzögerung sichtbar wird.
Keine Norm verlangt Verstärkung
Das eigentliche Problem: Es gibt keine normative Anforderung, dass Anfangs-, End- und Eckstützen verstärkt ausgeführt sein müssen. Produkte sind zertifizierbar und zulassungsfähig, auch wenn sie im Laufe der Zeit dem beschriebenen Verformungseffekt unterliegen. Eine Anforderung an Anfangs-, End- und Eckstützen, auf Dauer einer bestimmten statischen Last standhalten zu müssen, ohne sich plastisch zu verformen, ergibt sich nicht aus den Prüfanforderungen.
Der Unterschied zeigt sich erst im Betrieb. Beachtet werden muss er aber schon sowohl bei der Planung als auch bei der Ausschreibung.
Ein Preisvorteil auf Kosten der Haltbarkeit
Geeignete Anschlageinrichtungen sind für gewöhnlich etwas teurer als andere, da der Materialaufwand höher ist. Manche Planer entscheiden sich deshalb bewusst gegen die verstärkte Variante. Nicht aus Unwissenheit, sondern als kalkulierter Vorteil im Preiskampf. Das System erfüllt zum Zeitpunkt der Abnahme alle Anforderungen. Die Folgekosten der Verformung entstehen erst später, und sie treffen in der Regel nicht mehr den, der die Entscheidung getroffen hat, sondern den Betreiber. Dass Betreiber hier im Rahmen der Gewährleistung nicht tätig werden und Schadensersatz fordern, liegt meiner Einschätzung nach ausschließlich an der Unwissenheit um dieses Thema.
Warum können sich Anschlageinrichtungen überhaupt verformen?
Es drängt sich die Frage auf, warum überhaupt Produkte entwickelt und produziert werden, die eine Verformung zulassen. Bis in die 90er-Jahre waren Produkte üblich, die keinerlei Verformung zuließen und wie massive Poller aus der Dachhaut ragten.
Der Grund ist ganz einfach: Massive Anschlageinrichtungen benötigen entsprechende lastabtragende Strukturen und geeignete Befestigungsmittel. Moderne Dachflächen bieten diese Grundvoraussetzung häufig nicht oder nicht ausreichend.
Außerdem wirkt sich die Verformung der Anschlageinrichtung positiv auf das Gebäude und die aufgefangene Person aus, da durch die Verformung Energie abgebaut wird. Durch die Verformung ist es nicht nur möglich, auf vergleichsweise weichen Untergründen wie Stahltrapezprofilen zu befestigen, man ist auch bei der Planung deutlich flexibler in der Positionierung.
Wo früher ein massiver Poller gesetzt wurde, musste immer auch ein Stahlträger oder ein massiver Betonuntergrund vorhanden sein. Die Verformung ist also grundsätzlich ein Vorteil und eine Weiterentwicklung der Produkte gewesen.
Bei allen Vorteilen moderner Anschlageinrichtungen darf der Verformungseffekt durch Vektorkräfte beim Einsatz im Seilsicherungssystem allerdings nicht außer Acht gelassen oder vernachlässigt werden.
Bewertung durch sachkundiges Personal
Plastische Verformung ist im Betrieb der Anschlageinrichtungen auszuschließen. Durch weiche Untergründe oder besondere Anwendungen kann teils eine geringe elastische Verformung auftreten; diese sollte aber verschwinden, wenn die Gebrauchslast (z. B. im Anwendungsfall Rückhalten) nicht mehr anliegt.
Plastische Verformung ist ein klassischer Mangel, der bei der jährlichen Überprüfung der Systeme durch eine zertifizierte, sachkundige Person festgestellt werden sollte. Die Folge ist eine Instandsetzung in Form des Austauschs der Anschlageinrichtung.
Bei Seilsicherungssystemen wird die plastische Verformung von Anfangs-, End- und Eckstützen zur besonderen Gefahr, da die Seilspannung dadurch nachlässt. Das Rückhalten ist wegen des fehlenden Widerlagers nicht mehr wie geplant möglich. Hier entsteht eine Gefahr für die Anwendenden.
Erwähnt werden muss auf jeden Fall noch, dass die Verformung an Anfangs-, End- und Eckstützen natürlich auch durch andere Einwirkungen entstehen kann. Hier ist vor allem das Auffangen eines Sturzes zu nennen, aber auch missbräuchliche Lasteinleitung wie das Abstellen von Lasten auf dem Seil, das Betreten des Seils oder das Befestigen von Lasten am Seil. Diesen Lasten muss eine Anschlageinrichtung nicht standhalten können.
Mein Fazit
Wer bei Anfangs-, End- und Eckstützen bewusst auf die unverstärkte, günstigere Variante setzt, verschiebt die Kosten lediglich in die Zukunft – zulasten des Betreibers. Personen, die solche Planungen erstellen, halte ich für unseriös oder zumindest nicht ausreichend fachkundig für das Erstellen einer Planung und die Auswahl geeigneter Produkte.
Anschlageinrichtungen, die am Anfang, in den Ecken und am Ende von Seilsicherungssystemen eingesetzt werden, müssen dieser vorhersehbaren Last standhalten – als Bauprodukt sogar über einen Zeitraum von mindestens 25 Jahren.
Tipp für Planer und Betreiber: Bei der Ausschreibung gezielt nachfragen, ob die Anfangs-, End- und Eckstützen für die dauerhafte Vorspannungslast des Systems ausgelegt sind – nicht nur, ob sie zertifiziert sind.
